Auf dem Wasser gibt es keine Ampeln, keine Fahrspuren und oft auch keinen Funkkontakt zum anderen Boot. Trotzdem musst du frühzeitig erkennen, ob sich zwei Fahrzeuge auf Kollisionskurs befinden. Der Schlüssel dazu ist eine einfache, jahrhundertealte Methode: die Peilung, ein zentraler Baustein der Ausweichregeln im SBF Binnen und im SBF See. Dieser Artikel erklärt, was eine Peilung ist, warum eine gleichbleibende Peilung Alarmzeichen ist und was der Begriff CPA damit zu tun hat.

Was ist eine Peilung?

Eine Peilung ist die Richtung zu einem Objekt, angegeben als Winkel. Auf dem Wasser peilst du zum Beispiel ein Leuchtfeuer, eine Landmarke oder ein anderes Fahrzeug. Dabei unterscheidet man zwei Arten:

  • Rechtweisende Peilung: der Winkel zum Objekt, gemessen vom geografischen Norden aus (0° bis 360°). Sie ist unabhängig vom eigenen Kurs. Mit dem Handpeilkompass misst du zunächst eine Kompasspeilung (bezogen auf den magnetischen Norden); um daraus die rechtweisende Peilung zu erhalten, korrigierst du sie um die Missweisung, wie in Kompass, Missweisung und Deviation erklärt beschrieben.
  • Seitenpeilung (relative Peilung): der Winkel zum Objekt, gemessen von der eigenen Bugrichtung aus. Sie ändert sich, sobald du deinen eigenen Kurs änderst, auch wenn sich am tatsächlichen Kollisionsrisiko nichts geändert hat.

Für die Frage „droht eine Kollision?” reicht in der Praxis oft schon die einfache Beobachtung, wie sich die Position des anderen Fahrzeugs relativ zu deinem eigenen Boot verschiebt.

Die goldene Regel: gleichbleibende Peilung bedeutet Kollisionsgefahr

Nähert sich ein anderes Fahrzeug und die Peilung zu ihm ändert sich über mehrere Minuten hinweg nicht merklich, während der Abstand kleiner wird, befindet ihr euch auf Kollisionskurs. Ändert sich die Peilung dagegen deutlich (das Fahrzeug „wandert” nach vorn oder achtern), wird es voraussichtlich vor oder hinter dir vorbeifahren.

Diese Regel ist keine bloße Faustformel, sondern direkt aus den Kollisionsverhütungsregeln (KVR) abgeleitet. Regel 7 der KVR verlangt, mit allen verfügbaren Mitteln laufend zu prüfen, ob Kollisionsgefahr besteht. Ausdrücklich heißt es dort sinngemäß: Bestehen Zweifel, ob Kollisionsgefahr besteht, ist anzunehmen, dass sie besteht. Die Beobachtung der Peilung ist eines der wichtigsten Mittel, um diese Einschätzung zu treffen, gerade wenn kein Radar oder AIS an Bord ist.

Diese Ausweichregeln, die sich aus einer erkannten Kollisionsgefahr ergeben, sind ein eigenes großes Thema. Wer wem ausweichen muss und welche Regeln bei kreuzenden oder entgegengesetzten Kursen gelten, erklärt der Artikel Ausweichregeln auf dem Wasser: wer muss ausweichen?.

So peilst du praktisch an Bord, auch ohne Radar

Du brauchst kein teures Gerät, um eine Kollisionsgefahr zu erkennen. Diese Methoden funktionieren auf jedem Sportboot:

Peilung über einen festen Bezugspunkt

Wähle einen festen Punkt an deinem eigenen Boot, etwa eine Reling, einen Want oder einen Fensterrahmen, und beobachte das andere Fahrzeug dahinter. Verschiebt sich das andere Boot relativ zu diesem Bezugspunkt sichtbar nach vorn oder achtern, ändert sich die Peilung und die unmittelbare Kollisionsgefahr sinkt. Bleibt das andere Boot dagegen scheinbar „an derselben Stelle” hinter deinem Bezugspunkt stehen, während es näher kommt, ist Vorsicht geboten.

Peilung mit dem Handpeilkompass

Mit dem Handpeilkompass nimmst du den Winkel zum anderen Fahrzeug als Kompasspeilung. Für die reine Beurteilung der Kollisionsgefahr musst du diesen Wert nicht extra um die Missweisung korrigieren, denn es zählt nur, ob sich der abgelesene Winkel über die Zeit ändert. Wiederhole die Peilung nach ein bis zwei Minuten. Bleibt der abgelesene Wert nahezu gleich, während sich der Abstand verringert, besteht Kollisionsgefahr.

Mehrfach peilen, nicht nur einmal

Ein einzelner Peilwert sagt wenig aus. Erst der Vergleich mehrerer Peilungen im Zeitverlauf zeigt, ob sich die Situation entspannt oder zuspitzt. Nimm dir bei unklaren Begegnungen bewusst die Zeit für zwei oder drei Peilungen im Abstand von ein bis zwei Minuten, statt dich auf einen einzelnen Blick zu verlassen.

Ein Praxisbeispiel

Stell dir vor, du fährst mit deinem Motorboot auf Binnenrevier und siehst in einiger Entfernung ein anderes Boot, das sich von Steuerbord nähert. Du peilst es über die Reling deines Bootes:

  • Minute 0: Das andere Boot steht knapp vor deinem Relingpfosten.
  • Minute 2: Das andere Boot steht immer noch fast an derselben Stelle, minimal näher am Pfosten, der Abstand hat sich aber sichtbar verringert.
  • Minute 4: Immer noch dieselbe relative Position, der Abstand ist deutlich kleiner geworden.

Die Peilung bleibt also über die gesamte Beobachtungszeit praktisch gleich, während der Abstand kontinuierlich abnimmt. Das ist ein klares Beispiel für eine gleichbleibende Peilung und damit für Kollisionsgefahr. Würde das andere Boot dagegen bei jeder Beobachtung ein Stück weiter achteraus deines Relingpfostens erscheinen, würde es hinter dir vorbeifahren und es bestünde keine unmittelbare Gefahr.

Wichtig: Diese Beobachtung ersetzt nicht die Frage, wer ausweichpflichtig ist. Erkennst du eine gleichbleibende Peilung, ist als Nächstes zu klären, ob du selbst ausweichen musst oder Kurshalter bist, siehe dazu die Ausweichregeln.

CPA und TCPA einfach erklärt

Auf größeren Fahrzeugen und in der Berufsschifffahrt wird die Peilungsmethode durch Radar, ARPA und AIS ergänzt oder ersetzt. Dabei begegnen dir zwei Fachbegriffe:

  • CPA (Closest Point of Approach): der kürzeste Abstand, den zwei Fahrzeuge zueinander haben werden, falls beide Kurs und Geschwindigkeit unverändert beibehalten.
  • TCPA (Time to Closest Point of Approach): die Zeit, die bis zum Erreichen dieses kürzesten Abstands noch vergeht.

Moderne AIS-Geräte und Kartenplotter berechnen CPA und TCPA für andere AIS-sendende Fahrzeuge automatisch und warnen, wenn ein eingestellter Grenzwert unterschritten wird. Wie solche Geräte grundsätzlich funktionieren und was sie einem Sportbootfahrer wirklich bringen, erklärt der Artikel GPS, Plotter und Funkgerät an Bord: moderne Navigation verstehen.

Für die meisten Sportboote ohne solche Elektronik gilt: Die klassische Peilungsmethode mit festem Bezugspunkt oder Handpeilkompass ist im Grunde ein manueller CPA-Check. Bleibt die Peilung gleich, nähert sich der CPA null, und du solltest handeln.

Was tun, wenn Kollisionsgefahr erkannt wurde?

Sobald du eine gleichbleibende Peilung feststellst, ist Handeln gefragt, nicht Abwarten:

  1. Ausweichpflicht klären. Prüfe anhand der Rangordnung und der Begegnungssituation (entgegengesetzt, kreuzend, Überholen), wer ausweichen muss. Details dazu findest du im Artikel zu den Ausweichregeln.
  2. Frühzeitig und deutlich reagieren. Ein kleiner Kursschwenk in letzter Sekunde ist für das andere Fahrzeug schwer erkennbar. Ändere Kurs oder Geschwindigkeit früh und so, dass die Absicht eindeutig zu erkennen ist.
  3. Kurshalter bleiben, wenn es die eigene Rolle ist. Wer nicht ausweichpflichtig ist, muss Kurs und Geschwindigkeit beibehalten, damit sich der andere darauf verlassen kann, es sei denn, eine Kollision lässt sich nur noch durch eigenes Handeln vermeiden.
  4. Bei Unklarheit über die Absicht des anderen: deutliche Schallsignale einsetzen. Was welches Signal bedeutet, erklärt der Artikel Schallsignale beim SBF erklärt.

Häufige Fehler

  • Nur einmal hinschauen. Eine einzelne Peilung ohne Vergleich über die Zeit sagt nichts über die tatsächliche Entwicklung der Situation aus.
  • Sich auf die Größe des anderen Fahrzeugs verlassen. Auch wenn größere Fahrzeuge in bestimmten Situationen Vorrang haben, entbindet das dich nicht davon, die Situation selbst zu beobachten und notfalls zu handeln.
  • Relative und rechtweisende Peilung verwechseln. Änderst du deinen eigenen Kurs, ändert sich auch die Seitenpeilung, ohne dass sich am eigentlichen Risiko etwas geändert hat. Behalte diesen Unterschied im Kopf, besonders wenn du selbst gerade manövrierst.
  • Zu spät reagieren. Wer erst handelt, wenn der Abstand schon gering ist, hat kaum noch Spielraum für ein sicheres Manöver.

Fazit

Eine gleichbleibende Peilung bei abnehmendem Abstand ist eines der zuverlässigsten Warnzeichen für Kollisionsgefahr auf dem Wasser, ganz ohne Elektronik. Wer regelmäßig peilt, sei es mit einem festen Bezugspunkt am eigenen Boot oder mit dem Handpeilkompass, erkennt kritische Situationen frühzeitig und kann rechtzeitig und eindeutig reagieren. CPA und TCPA sind dabei nur die technische, radargestützte Variante desselben Grundprinzips. In der Boatpass-App kannst du die Fragen rund um Kollisionsverhütung und Ausweichregeln gezielt mit dem offiziellen ELWIS-Fragenkatalog üben.