„Wer hat hier eigentlich Vorfahrt?” – diese Frage führt auf dem Wasser schnell in die Irre. Denn anders als im Straßenverkehr gibt es bei Booten keine Vorfahrt. Es gibt nur Ausweichregeln: Einer muss ausweichen, der andere hält Kurs. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Regeln der Kollisionsverhütung (KVR) – ein zentrales Thema in jeder SBF-Prüfung.

Vorfahrt? Gibt es nicht.

In den Kollisionsverhütungsregeln (KVR / SeeSchStrO) spricht man bewusst nicht von Vorfahrt, sondern von Ausweichpflicht und Kurshaltepflicht:

  • Der Ausweichpflichtige muss frühzeitig und deutlich ausweichen.
  • Der Kurshalter muss seinen Kurs und seine Geschwindigkeit beibehalten, damit der andere sich darauf verlassen kann.

Wichtig: Auch der Kurshalter muss handeln, wenn eine Kollision sonst unvermeidbar wird. Sicherheit geht immer vor Regel.

Die Rangordnung der Fahrzeuge

Welches Fahrzeug ausweichen muss, ergibt sich aus einer Rangordnung. Grundsatz: Wer leichter manövrieren kann, weicht dem aus, der es schwerer hat. Von „muss ausweichen” (unten) zu „hat Vorrang” (oben):

  1. Manövrierunfähiges Fahrzeug (z. B. Maschinenausfall) – höchster Vorrang
  2. Manövrierbehindertes Fahrzeug (z. B. beim Baggern, Schleppen)
  3. Fischereifahrzeug (in Ausübung der Fischerei)
  4. Segelfahrzeug
  5. Maschinenfahrzeug – muss am ehesten ausweichen

Merkhilfe: Ein Maschinenfahrzeug weicht dem Segler aus, der Segler dem Fischer, der Fischer dem Manövrierbehinderten – und alle dem Manövrierunfähigen.

Zwei Maschinenfahrzeuge

Entgegengesetzte Kurse (von vorn)

Treffen sich zwei Motorboote auf genau entgegengesetzten Kursen, weichen beide nach Steuerbord (rechts) aus und passieren sich Backbord an Backbord. Hier gibt es keinen Kurshalter – beide handeln.

Kreuzende Kurse

Kreuzen sich die Kurse, gilt: Wer den anderen an Steuerbord hat, ist ausweichpflichtig. Kommt das andere Boot also von rechts (Steuerbord), musst du ausweichen – und zwar so, dass du nach Möglichkeit hinter ihm vorbeifährst. Das andere Boot ist Kurshalter.

Überholen

Beim Überholen gilt eine eigene Regel: Der Überholende muss immer ausweichen – egal ob Motor oder Segel. Der Überholte ist Kurshalter. Überholer ist, wer sich einem anderen Fahrzeug aus einer Richtung von mehr als 22,5° achterlicher als querab nähert (also „von hinten”).

Zwei Segelfahrzeuge

Treffen zwei Segelboote aufeinander, entscheidet der Wind:

  • Unterschiedlicher Bug (Wind von verschiedenen Seiten): Das Boot, das den Wind von Backbord hat, weicht aus.
  • Gleicher Bug (Wind von derselben Seite): Das luvwärtige Boot (näher am Wind) weicht dem leewärtigen aus.

Merksatz: „Backbordbug weicht Steuerbordbug” und „Luv weicht Lee”.

Im engen Fahrwasser

Im engen Fahrwasser und auf Binnenschifffahrtsstraßen gelten Sonderregeln:

  • Fahrzeuge müssen sich so weit rechts wie möglich halten.
  • Kleine Fahrzeuge (unter 20 m) und Segelfahrzeuge dürfen die Durchfahrt eines Fahrzeugs behindern, das nur innerhalb des Fahrwassers sicher fahren kann (z. B. großes Berufsschiff), nicht.
  • Die durchgehende Schifffahrt im Fahrwasser hat in der Regel Vorrang.

So gehst du in der Prüfung vor

Bei Ausweichfragen hilft ein festes Schema:

  1. Was bin ich, was ist der andere? (Motor, Segel, Fischer …) → Rangordnung prüfen.
  2. Bei gleichem Typ: Begegnung (entgegengesetzt / kreuzend / überholen) bestimmen.
  3. Steuerbord-Regel oder Luv/Lee anwenden.
  4. Im Zweifel ausweichen – Sicherheit vor Recht haben.

In der Praxisprüfung fragt der Prüfer typische Situationen ab: „Da vorne kommt ein Segler von Steuerbord – was machen wir?” Mit dem Schema im Kopf antwortest du sicher.

Fazit

Auf dem Wasser gibt es keine Vorfahrt, sondern Ausweich- und Kurshaltepflicht. Die Rangordnung (Maschine weicht Segel weicht Fischer weicht Manövrierbehindert weicht Manövrierunfähig), die Steuerbord-Regel bei kreuzenden Motorbooten und „Luv weicht Lee” bei Seglern sind die wichtigsten Bausteine. Wer das Schema beherrscht, löst die meisten Prüfungsfragen sicher. In der Boatpass-App kannst du die Fragen zu Ausweichregeln und Verkehrsrecht gezielt mit dem offiziellen ELWIS-Fragenkatalog trainieren.