Wer auf Nord- oder Ostsee unterwegs ist, kommt an den Gezeiten nicht vorbei. Besonders im Wattenmeer entscheidet der richtige Zeitpunkt darüber, ob unter dem Kiel noch genug Wasser steht. Mit der Zwölftelregel lässt sich der Wasserstand zwischen Hoch- und Niedrigwasser einfach abschätzen – ganz ohne aufwendige Tabellen. So funktioniert sie.
Die Grundbegriffe
Bevor es ans Rechnen geht, klären wir die wichtigsten Begriffe:
- Hochwasser (HW): der höchste Wasserstand einer Tide.
- Niedrigwasser (NW): der niedrigste Wasserstand einer Tide.
- Tidenhub: der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser (Tidenhub = HW-Höhe − NW-Höhe).
- Seekartennull (SKN): das Bezugsniveau, auf das sich die Tiefenangaben in der Seekarte beziehen. Die Gezeitenhöhe wird dazu addiert, um die tatsächliche Wassertiefe zu erhalten.
An den meisten deutschen Küsten gibt es zwei Hoch- und zwei Niedrigwasser pro Tag. Zwischen einem Hoch- und dem folgenden Niedrigwasser liegen rund sechs Stunden.
Die Zwölftelregel
Die Idee dahinter: Das Wasser steigt (oder fällt) nicht gleichmäßig, sondern in der Mitte der Tide am schnellsten und an den „Wendepunkten” bei Hoch- und Niedrigwasser am langsamsten. Die Zwölftelregel bildet das in einfachen Bruchteilen ab.
Du teilst den Tidenhub gedanklich in zwölf gleiche Teile auf. In den sechs Stunden zwischen Niedrig- und Hochwasser ändert sich der Wasserstand pro Stunde um:
| Stunde | Änderung | Anteil am Tidenhub |
|---|---|---|
| 1. Stunde | 1 Zwölftel | 1/12 |
| 2. Stunde | 2 Zwölftel | 2/12 |
| 3. Stunde | 3 Zwölftel | 3/12 |
| 4. Stunde | 3 Zwölftel | 3/12 |
| 5. Stunde | 2 Zwölftel | 2/12 |
| 6. Stunde | 1 Zwölftel | 1/12 |
Die Merkfolge lautet also 1 – 2 – 3 – 3 – 2 – 1. Zusammengezählt ergeben diese Anteile genau 12 Zwölftel, also den vollen Tidenhub. Beim Fallen des Wassers gilt dieselbe Reihenfolge – nur dass die Beträge dann abgezogen werden.
Rechenbeispiel
Nehmen wir an:
- Niedrigwasser um 08:00 Uhr mit einer Höhe von 1,0 m
- Hochwasser um 14:00 Uhr mit einer Höhe von 4,0 m
Der Tidenhub beträgt 4,0 m − 1,0 m = 3,0 m. Ein Zwölftel davon sind 3,0 m ÷ 12 = 0,25 m.
Frage: Wie hoch steht das Wasser um 11:00 Uhr, also drei Stunden nach Niedrigwasser?
In den ersten drei Stunden steigt das Wasser um 1 + 2 + 3 = 6 Zwölftel, also um die Hälfte des Tidenhubs:
6 × 0,25 m = 1,5 m
Diesen Anstieg addierst du zur Niedrigwasserhöhe:
1,0 m + 1,5 m = 2,5 m
Um 11:00 Uhr steht das Wasser also etwa 2,5 m über Seekartennull.
Wie viel Wasser steht unter dem Kiel?
Für die Praxis zählt die tatsächliche Wassertiefe an einer Stelle. Sie ergibt sich aus der Kartentiefe (bezogen auf Seekartennull) plus der aktuellen Gezeitenhöhe. Ziehst du davon den Tiefgang deines Bootes ab, erhältst du das Wasser unter dem Kiel:
Wassertiefe = Kartentiefe + Gezeitenhöhe − Tiefgang
Plane dabei immer eine Sicherheitsreserve ein – Wind und Luftdruck können den realen Wasserstand von der Vorhersage abweichen lassen.
Wie genau ist die Zwölftelregel?
Die Zwölftelregel ist eine Näherung. Sie unterstellt einen gleichmäßigen, sinusähnlichen Tidenverlauf und rund sechs Stunden zwischen den Wenden. Die Abweichung von der idealen Kurve bleibt klein – meist unter 2,5 % des Tidenhubs. Für die Törnplanung und die SBF-See-Prüfung ist diese Genauigkeit völlig ausreichend. In Revieren mit unregelmäßigem Tidenverlauf (z. B. mit Doppelhochwasser) stößt die Regel allerdings an ihre Grenzen.
So bereitest du dich vor
Gezeitenfragen tauchen im theoretischen Teil des SBF See auf und sind eng mit der Navigationsaufgabe verknüpft. Wer die Zwölftelregel und die Begriffe rund um Tidenhub und Seekartennull sicher beherrscht, sammelt hier verlässlich Punkte. In der Boatpass-App kannst du die passenden Fragen gezielt und getrennt vom restlichen Katalog üben.
Fazit
Die Zwölftelregel macht die Gezeitenrechnung erstaunlich einfach: Tidenhub durch zwölf teilen, die Reihenfolge 1 – 2 – 3 – 3 – 2 – 1 anwenden und das Ergebnis zur Niedrigwasserhöhe addieren (oder beim Fallen abziehen). Zusammen mit der Formel für das Wasser unter dem Kiel hast du damit ein praxistaugliches Werkzeug – an Bord wie in der Prüfung.